Tag: Andrei Gorzo

  • Kino-Highlights 2021 in Rumänien

    Kino-Highlights 2021 in Rumänien

    Viele Filmfestivals, die 2020 ausgesetzt oder online abgehalten wurden, wurden letztes Jahr wieder aufgenommen, andere Veranstaltungen dieser Art fanden im hybriden Format statt. Der Film des Jahres 2021 in Rumänien sei laut Filmkritiker Andrei Gorzo der Gewinner des Goldenen Bären Babardeală cu bucluc sau porno balamuc” (Bad luck banging or loony porn”), eine Produktion die der Filmkritiker für einen der besten Filme von Radu Jude hält — aggressiv, experimentell, voller Ideen und vor allem mit einem superpräzisen Sinn für das Zeitgenössische”. Wenn die Amerikanische Filmakademie wirklich Vertrauen in das Kino zeigen will, sollte sie auf diesen visionären Film setzen”, schrieb ihrerseits die Webseite der Filmindustrie IndieWire über Radu Judes Film und wies darauf hin, dass die rumänische Produktion auch zu den Favoriten der ausländischen Kritiker für die Oscar-Nominierungen 2022 gehört. Die Schauspielerin Katia Pascariu, die die Hauptrolle in dem Film spielt, wurde von der New York Times in die Liste der besten Schauspieler des Jahres 2021 aufgenommen.



    Ein weiterer hochgelobter und mehrfach preisgekrönter rumänischer Film im Jahr 2021 ist Câmpul cu maci” (Feld der Mohnblumen”), der auf einem Drehbuch von Ioana Moraru basiert. Der Streifen feierte seine Weltpremiere auf dem 24. Tallinn International Black Nights Festival. Der Film wurde in mehr als 40 offizielle Auswahlen auf Festivals in Europa, den USA und Asien aufgenommen und mit sechs internationalen Preisen ausgezeichnet, davon zwei für Conrad Mericoffer als bester Schauspieler (beim Internationalen Filmfestival von Gijón und beim Internationalen Filmfestival von Turin). In Rumänien wurde der Film beim Transilvania International Film Festival (TIFF) aufgeführt, wo er mit zwei Preisen ausgezeichnet wurde: Beste Regie und Publikumspreis. Inspiriert von realen Ereignissen, zeigt Feld der Mohnblumen” einen Tag im Leben von Cristi (gespielt von Conrad Mericoffer), einem jungen Gendarmen aus Bukarest.



    Der Streifen von Ruxandra Ghițescu Otto der Barbar” wurde bei TIFF 2021 mit dem Preis für den besten rumänischen Spielfilm ausgezeichnet. Die Produktion schafft das fast Unmögliche und sollte von Jugendlichen und Erwachsenen gleicherma‎ßen gesehen und mit Psychologen diskutiert werden”, schreibt die Kritikerin Iulia Blaga über das Spielfilmdebüt der Regisseurin. Es ist der erste rumänische Film, der einen verstehen lässt, wie sich ein Teenager heute fühlt”, schreibt die Filmkritikerin. Der Streifen fängt den Moment im Leben eines 17-jährigen Punk-Teenagers ein, der den Verlust seiner Freundin verkraftet. Der Junge gerät in einen Teufelskreis, der durch seine Eltern, seinen Gro‎ßvater, die Mutter seiner Freundin und die Ermittlungen des Sozialamts entsteht.



    Radu Munteans neuester Spielfilm Întregalde” feierte die Weltpremiere in Cannes. Der Film erzählt die Geschichte von drei Freunden auf einer humanitären Reise. Auf der Fahrt in einem Jeep über die unbefestigten Bergstra‎ßen des Dorfes Întregalde treffen sie auf einen einsamen alten Mann, dem sie helfen wollen, die Fabrik zu erreichen, in der er angeblich arbeitet. Neben den Schauspielern Maria Popistașu, Ilona Brezoianu und Alex Bogdan ist der Laiendarsteller Luca Sabin eine echte Entdeckung, sagen die Kritiker. Ich denke, sie können die Wahrheit über einen Teil von uns erzählen, die uns entweder nicht bewusst ist oder die wir nicht wirklich wahrhaben wollen. Deshalb versuche ich in den Filmen, die ich mache, meine Figuren in eine unbequeme Lage zu bringen. Ich denke, auf diese Weise kann man sein Handeln hinterfragen. Und hier beziehe ich mich mehr auf die Zuschauer als auf die Figuren!”, sagt der Regisseur Radu Muntean.


  • Rumänische Streifen bei den Filmfestspielen in Rotterdam

    Rumänische Streifen bei den Filmfestspielen in Rotterdam

    Când se lasă seara peste Bucureşti sau Metabolism“ (Wenn sich der Abend über Bukarest senkt oder Metabolismus“) von Corneliu Porumboiu, Bucureşti, unde eşti?“ (Bukarest, wo bist du?“) in der Regie von Vlad Petri und der Kurzfilm O umbră de nor“ (Der Schatten einer Wolke“) des Regisseurs Radu Jude sind die drei rumänischen Produktionen, die ausgewählt wurden, zwischen dem 22. Januar und dem 2. Februar um den gro‎ßen Preis der Internationalen Rotterdamer Filmfestspiele zu konkurrieren.


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    Weniger bekannt als die Filmemacher Corneliu Porumboiu und Radu Jude ist der junge Regisseur Vlad Petri, Absolvent der Bukarester Theater- und Filmhochschule. Er ist Dokumentarfilm-Regisseur und Fotograf. Petri recherchierte die Bukarester Sozialbewegungen 2012 und 2013 und veröffentlichte regelmä‎ßig auf Online-Plattformen vor Ort aufgenommene Filme und Bilder. Im Mittelpunkt seiner künstlerischen Tätigkeit steht die Erforschung unmittelbarer, persönlicher Wirklichkeit und der sozialen Unruhen.



    Der Platz als öffentlicher Raum für Debatten, Vorschläge und Proteste weckt mein besonderes Interesse. Wie entsteht überhaupt dieser Raum, wie hat er sich umgewandelt, welche ist seine soziale Auswirkung? All diese Fragen sind von gro‎ßem Interesse für meine Arbeit. Ich habe eine Leidenschaft für die Menschen, die sich daran beteiligen, für die Art und Weise, in der sie eine Botschaft an jemanden ausrichten. Ich habe vor, so oft wie möglich an den Protesten am Bukarester Universitätsplatz aktiv teilzunehmen, meine Filme ausschlie‎ßlich im Online-Umfeld zu verteilen und mit der Dynamik der Ereignisse Schritt zu halten“, sagte kürzlich der Regisseur.



    Aus diesem Interesse für den Platz als öffentlichen Raum für Debatten“ entstand auch der Dokumentarfilm Bucureşti, unde eşti?“ (Bukarest, wo bist du?“). Die Produktion des jungen rumänischen Regisseurs wurde für das Internationale Filmfestival in Rotterdam ausgewählt. Vlad Petri dazu:



    Ich habe zwei Jahre für diesen Film gearbeitet. Selbstverständlich freute ich mich riesig darüber, dass meine Produktion bei den Filmfestspielen in Rotterdam präsentiert wird, weil sie zu den wichtigsten europäischen Fachveranstaltungen zählt. Der Film präsentiert die Ereignisse in Bukarest 2012. Insgesamt hatten wir 60 Stunden Filmmaterial aufgenommen, das wir auf eine Stunde und 20 Minuten kürzten. In einer Stunde und zwanzig Minuten präsentieren wir aber eine strukturierte und inhaltsreiche Geschichte der sozialen Unruhen in Bukarest. Wir wollten, dass das auf der Stra‎ße gefilmte Material die Zuschauer auf eine gewisse Geschichte lenkt, und nicht, dass wir ihnen eine gewisse Richtung vorgeben.“




    Der Kurzfilm des Filmemachers Radu Jude Der Schatten einer Wolke / Shadow of a cloud“ erzählt die Geschichte eines Priesters, dessen Rolle vom Theaterregisseur Alexandru Dabija gespielt wird. An einem hei‎ßen Sommertag wird der Priester zu einer sterbenden Frau gerufen, um für ihre Seele zu beten. Hinter dieser Geschichte stecken sehr viele hintergründige Bedeutungen. Die wichtigste steckt wahrscheinlich hinter einem bestimmten Satz des Gebets: ‚Mein niederträchtiges Leben ist wie ein Schlaf, wie der Schatten einer Wolke vergangen‘“, erläutert der Regisseur Radu Jude den Titel seines letzten Films, der voriges Jahr ebenfalls in der Sektion Quinzaine des Réalisateurs“ der Cannes Filmfestspiele gezeigt wurde. Regisseur Radu Jude dazu:



    Es gibt etwas in meiner Seele, das mich dazu antreibt, die Sachen aus dieser Perspektive zu betrachten. Tschechow hat eine derartige Situation sehr gut zusammengefasst. Eine Gestalt aus »Onkel Wanja« sagt: ‚Lange habe ich geglaubt, dass das Schicksal des Menschen tragisch sein muss, letztendlich habe ich aber selbst entdeckt, dass es einfach lächerlich ist.‘ Und es gibt in der Tat etwas Lächerliches im Verhältnis eines Menschen zu sich selbst, zu seinen Problemen, etwas, was die Traurigkeit und das Leiden nicht ausschlie‎ßt. Aus dieser Sicht will ich die Geschichten betrachten. Es handelt sich um die Perspektive, in der die Traurigkeit, das Unglück und das Drama so tief ineinander flie‎ßen, dass man sie mit dem Lächerlichen nicht mehr verwechseln kann.“




    Ich möchte eine möglichst unreine Kinokunst. Ich entdecke in mir selbst eine Entwicklung oder eine Involution: Als ich die ersten Filme machte, wünschte ich mir sehr eine stilistische Kohärenz. Ich wollte der Verfilmungsart sehr bewusst sein. Es scheint mir nun, dass diese Kohärenz eigentlich dazu führt, dass alle Energien und Visionen um den Film blockiert werden. Ich rede von jenen Energien, die neue Richtungen des Films aufzeigen und den Akzent dort setzen, wo er nicht gesetzt werden sollte“, sagte Radu Jude ferner über seine Erfahrung als Filmemacher.




    Die jüngste Produktion des Regisseurs Corneliu Porumboiu hat das Publikum, genau wie seine frühere Produktion Poliţist, adjectiv“ (Police, adjective“), in zwei Kategorien geteilt: Die Zuschauer, die glauben, dass eine klare Handlung in ihrem klassischen Sinn einem Film unentbehrlich sei (und deshalb die beiden Filme ablehnen), und andere, die hingegen für ein weniger erzählerisches Kino plädieren.



    Der Filmkritiker Tudor Caranfil sagte über den neuen Spielfilm von Corneliu Porumboiu, Wenn sich der Abend über Bukarest senkt oder Metabolismus“ sei eine Herausforderung“ und der leidenschaftlichste Experimentalfilm des rumänischen Kinos“. Der Kritiker Andrei Gorzo bezeichnete seinerseits die Produktion als einen äu‎ßerst subtilen Anti-Liebesfilm“.



    Der Film erzählt die Geschichte des Regisseurs Paul (dargestellt von Bogdan Dumitrache), der gerade an seinem neuen Film arbeitet. Bevor er eine Nacktszene dreht, diskutiert er mit Alina (gespielt von Diana Avrămuţ), einer Schauspielerin, mit der er eine Liebesbeziehung hat, mit der Filmproduzentin (Mihaela Sârbu), einem Branchekollegen (Alexandru Papadopol) und mit einem Arzt, der ihn endoskopisch untersucht. So wie der Regisseur einräumte, hatte er sich vorgenommen, in seinem Film die Hemmungen zu schildern, mit denen ein Regisseur kämpfen muss, um einen Film zu machen. Corneliu Porumboiu:



    Mich interessierte insbesondere die Beziehung zwischen den Gestalten und der Geschichte. Die Idee kam vor drei Jahren, als ein neues Kinogesetz vorgeschlagen wurde, das neue Regelungen in Bezug auf den Filmschnitt durchsetzen sollte. Dies löste bei mir Erinnerungen aus meiner Studentenzeit aus, als ich immer mit einer gewissen Einschränkung leben musste. Ich ging zur Uni mit einem Filmschnitt, den ich selber zu Hause gemacht hatte, indem ich die genaue Zeit aller Szeneneinstellungen ma‎ß. So entstand der Film. Selbstverständlich handelt es sich auch um eine Art Hinterfragung der Anfänge meiner Arbeit als Filmemacher.“




    Die Filmfestspiele in Rotterdam locken jedes Jahr über 3000 Journalisten und Persönlichkeiten der Filmkunst weltweit an. Die Veranstalter setzen sich jedes Jahr zum Ziel, junge und talentierte Regisseure zu fördern.



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