Tag: Durchschnittslohn

  • Lebenshaltungskosten in Rumänien: Ein Vielfaches des Durchschnittslohns

    Lebenshaltungskosten in Rumänien: Ein Vielfaches des Durchschnittslohns

    Im Monat September lag das Durchschnittsgehalt in Rumänien bei 2.700 Lei (umgerechnet rund 580 Euro). Die Frage, wie viel von den Lebenshaltungskosten man mir dieser Summe abdecken kann, scheint unter diesen Bedingungen sinnvoll. Eine neulich veröffentlichte Studie über die finanzielle Belastung, um ein anständiges Leben in Rumänien führen zu können hat, hat eine Antwort auf diese Frage geliefert und gleichzeitig auch weitere Fragen aufgeworfen. Die Vertretung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Rumänien hat zusammen mit dem Institut zur Forschung der Lebensqualität den Betrag berechnet, den man in Rumänien für die Lebenshaltungskosten benötigt. Die Autoren der Studie nennen 11 Kapitel, die sie in einen sogenannten Warenkorb der Lebenshaltungskosten legen und für jeden Bürger eine finanzielle Belastung darstellen: Lebensmittel, Kleider, Wohnung, Bildung und Kultur, Gesundheit, Urlaub und die Ersparnisse. Damit all diese Kosten abgedeckt werden, benötigt eine aus zwei Erwachsenen und zwei Kindern bestehende Familie knapp 6762 Lei im Monat, d.h. 1450 Euro. Für einen Haushalt mit einer Person beziffert sich der entsprechende Betrag auf 2552 Lei pro Monat, rund 547 Euro. Victoria Stoiciu von der Stiftung Friedrich Ebert“ Rumänien erläutert, worauf die Studie basiert:



    Der Durchschnittslohn lag im Sommer 2018 laut dem Nationalen Statistikamt bei knapp 2700 Lei pro Monat. Das Gesamteinkommen einer Familie in Rumänien liegt bei knapp 6700 Lei und entspricht dem Gesamtwert des Warenkorbs, aber dessen Struktur entspricht nicht dem alltäglichen Verbrauch der Rumänen, sondern dem, was ein Warenkorb für ein anständiges Leben enthalten soll. In den vergangenen Jahren waren diese Berechnungen im direkten Verhältnis mit dem Notbedarf, nicht mit einem anständigen Lebensstandard, der mehr als die Befriedigung der minimalen materiellen Bedürfnisse vorsieht.“




    Die Studie sei zudem für die Stadtbevölkerung repräsentativ und nur zum Teil für die Lebenshaltungskosten im ländlichen Raum, sagt unsere Gesprächspartnerin:



    Die Studie betrifft weder die Rentner noch die Arbeitslosen, der Warenkorb als Struktur der Ausgaben ist repräsentativ für die Beschäftigten der Stadt, aber das hei‎ßt noch lange nicht, dass der Wert des Warenkorbs im ländlichen Raum dank der Eigenproduktion und des Selbstverbrauchs deutlich geringer wäre. Es stimmt, dass man im ländlichen Raum weniger für Lebensmittel ausgibt, aber für Gesundheit hingegen mehr. In vielen Dörfern gibt es keine Krankenhäuser und keine Gymnasien, deswegen müssen die Kinder zwischen ihrem Dorf und der nächsten Stadt pendeln oder Miete in der Stadt bezahlen.“




    Die Rumänen mit einem normalen Einkommen wie Cătălina stellen schnell fest, dass es einen gro‎ßen Unterschied zwischen den Lebenshaltungskosten für einen anständigen Lebensstandard und der rumänischen Wirklichkeit gibt:



    Diese Zahlen sind aus zwei Gründen unrealistisch: Zum einen verdient die Mehrheit der Rumänen im Durchschnitt nicht genug, um den Mindestwert des Warenkorbs zu erreichen, zum anderen gibt eine rumänische Familie mehr aus, um ein anständiges Leben zu führen.“




    Cătălina bezieht sich zum grö‎ßten Teil auf Erholung und Gesundheit. Für die zweite Kategorie gibt man im Durchschnitt rund 107 Lei pro Monat aus, also 23 Euro. Ein Kinoticket kostet rund 15 Lei, wenn man zu zweit ins Kino geht, gibt man im Durchschnitt mit Nebenkosten 100 Lei aus.



    Daniela war Lehrerin und ist seit kurzem in Ruhestand gegangen, sie arbeitet noch mit einigen Schulen zusammen, um ihr Einkommen aufzurunden; ohne diese Teilarbeit im Ruhestand wäre es ihr unmöglich, Geld zu sparen. Die Ernährung hat einen Anteil von 20,77% in den Gesamtausgaben eines Haushalts — dazu sagte Daniela:



    Mit den jüngsten Preiserhöhungen würde ein Anteil von 20% in einer Familie mit zwei Kindern die Ausgaben für Lebensmittel auch nicht abdecken. Nur wenn man zu Hause kocht, könnte man sagen, 20% wäre richtig, aber man muss doch die Lebensmittel kaufen. Gegenüber dem Vormonat sind die Preise um 10% gestiegen.“




    Der Wert des minimalen Warenkorbs sei nur ein Referenzpunkt und die Autoren der Studie sind sich dessen bewusst, dass es gro‎ße Unterschiede zwischen den realen Einnahmen eines jeden rumänischen Haushalts und dem Warenkorb gibt. Victoria Stoiciu kommt erneut zu Wort mit Einzelheiten:



    90% der Rumänen verdienen im Durchschnitt höchstens 2100 Lei (450 Euro) pro Monat, also 90% der Rumänen verdienen weniger als den Wert des minimalen Warenkorbs für einen anständigen Lebensstandard. Rumänien ist ein armes Land und, wie ich feststelle, ist das anständige Leben ein Privileg eines kleinen Teils der Bevölkerung.“

  • Arbeitsmarkt und Migration: Rumänische Unternehmen importieren vermehrt ausländische Arbeitskraft

    Arbeitsmarkt und Migration: Rumänische Unternehmen importieren vermehrt ausländische Arbeitskraft

    Rumänien belegt den zweiten Platz in der EU unter den Ländern, die Arbeitskräfte von au‎ßerhalb des EU-Raumes importieren. Den ersten Platz nimmt Tschechien ein. Die meisten Ausländer, die in Rumänien 2018 angestellt wurden, kommen aus Vietnam (35%), der Türkei, Nepal, Serbien, Sri Lanka, China und der Moldaurepublik. Der gravierendste Mangel an Arbeitskraft wird in Bereichen wie Gastronomie, Schiffbau, Verkauf von Kleidungsstücken und dem Bausektor registriert. Zahlreiche Rumänen arbeiten seit Jahren in EU-Ländern genau in diesen Bereichen und nicht nur. Die Europaabgeordnete Maria Grapini, selber Geschäftsfrau und Unternehmerin, erklärte, das sei eine Erklärung für den Mangel an Arbeitskraft. Hinzu komme das rumänische Bildungssystem, das nicht genügend Fachkräfte ausbilde:



    Der Mangel an Arbeitskraft kommt auf der Ebene der Arbeiter vor, die keinen Hochschulabschluss brauchen. Leider ist das die Folge der Auflösung der Berufsschulen. In der Zwischenzeit funktioniert der Dualunterricht. Es gibt auch ein Gesetz für die Lehrlinge am Arbeitsplatz. Der Weg ist aber noch lang. Meine Unternehmen sind in der Textilindustrie tätig. In den Berufsschulen gab es vor 30 Jahren Klassen für Weberei und Färberei. Berufe wie Elektriker, Drechsler oder Schwei‎ßer brauchen unbedingt Nachschub.“




    Rumänien importiere besonders unqualifizierte Arbeitskraft, sagen auch Vertreter der Beratungsfirmen. Dana Ionescu, die sich mit Personaleinstellung beschäftigt, meint, der Import von Arbeitskräften sei alles andere als billig. Dana Ionescu, Global-Mobility-Managerin bei ADECCO Rumänien, dazu:



    Es ist gar nicht billiger, ausländische Bürger zu bringen. Es gibt einige Beschränkungen, was die Löhne anbelangt. Ein Ausländer muss den Durchschnittslohn bekommen. Ein Rumäne kann aber auch den Mindestlohn erhalten. Hinzu kommen weitere Kosten wie Übersetzung der Dokumente, notarielle und andere Gebühren usw.“




    Die Zahl der rumänischen Arbeitgeber, die ausländische Arbeitskräfte anstellen, wird immer höher. Mit Einzelheiten kommt Dana Ionescu:



    Im ersten Jahresquartal 2018 wurden 31.464 Arbeitsplätze immer wieder von den Arbeitgebern als frei erklärt. Daher die immer steigende Zahl der Ausländer, die in Rumänien arbeiten. Dieses Kontingent wird durch Regierungserlass am Anfang des Jahres genehmigt. Während des Jahres kann es verändert und auf andere Bereiche ausgeweitet werden.“




    In diesem Jahr stieg das Kontingent um 55% gegenüber dem gleichen Zeitraum 2017. Am Anfang bezifferte sich das Kontingent für 2018 auf 7.000 Arbeiter. Im August aber hat man seine Erhöhung genehmigt. Es geht um eine Rekordzahl. Dana Ionescu dazu:



    Für die ständigen Arbeiter wurde das Kontingent verdoppelt — von 4.000 auf 8.000. Die Zahl der Leiharbeiter stieg um das Vierfache: von 1.200 auf 5.200. Vielleicht muss das Kontingent bis Jahresende noch verdoppelt werden.“




    Abgesehen von einer Anpassung des Ausbildungssystems an den Arbeitsmarkt und der Fortbildung der Lehrlinge am Arbeitsplatz sei es notwendig, die ausgewanderten Rumänen zur Rückkehr in ihre Heimat zu ermutigen, meint die Europaabgeordnete Maria Grapini. Allerdings sei das nicht so leicht, denn viele ausgewanderte Rumänen sehen den rumänischen Arbeitsmarkt als unstabil an:



    Es gibt ein gro‎ßes Misstrauen unter den rumänischen Migranten. Als ich in Spanien war, bin ich mit Vertretern der Rumänen zusammengekommen. Sie vertrauen dem rumänischen System nicht mehr. Sie wünschen sich einen festen Arbeitsplatz. Wer im Ausland arbeitet, will nicht mehr zurück, weil er Angst hat, den Arbeitsplatz immer wieder zu verlieren. Wir brauchen bessere Gesetze, eine bessere öffentliche Politik.“




    Bis dahin bleibe der Import eine vorübergehende Lösung, die meist umgesetzte Ma‎ßnahme. Die Vereinfachung der Gesetze für den Import der ausländischen Arbeitskraft werde ebenfalls anvisiert. Au‎ßerdem sei eine flexible Lohnpolitik notwendig, welche in der Spannbreite vom Mindest- zum Durchschnittslohn eine angemessene Entlohnung der Arbeitnehmer je nach Qualifikation ermöglichen würde. Es bleibe abzuwarten, ob diese Ansätze Anklang beim Gesetzgeber finden, so abschlie‎ßend die Europaabgeordnete Maria Grapini.