Tag: Entstalinisierung

  • Entstalinisierung: Abrechnung mit Stalin führte zu Machtkämpfen unter rumänischen Kommunisten

    Entstalinisierung: Abrechnung mit Stalin führte zu Machtkämpfen unter rumänischen Kommunisten

    1956, drei Jahre nach dem Tod von Josef Wissarionowitsch Stalin, verurteilte der neue sowjetische Anführer Nikita Chruschtschow die Exzesse seines Vorgängers und forderte eine neue Politik. In einer Rede beim 20. Kongress der Kommunistischen Partei der Sowjetunion stellte er seinen geheimen Bericht vor. Dieser gilt als Anfang der Entstalinisierung. Chruschtschow brandmarkte die Praktiken, die zu ungeheuerlichen Morden geführt hatten. Unter den Ermordeten gab es auch der Partei und Stalin treue Personen, deren Loyalität nicht bezweifelt werden konnte. Der Bericht Chruschtschows gei‎ßelte jedoch nur die Verbrechen Stalins gegen die Partei- und Staatsaktivisten, nicht aber die Massenmorde des Stalinismus.



    Der Bericht Chruschtschows wurde unterschiedlich in den Staaten des sozialistischen Lagers aufgenommen. Während einige kleine Reformen einleiteten, hat sich in anderen überhaupt nichts bewegt. Die antikommunistische Revolte von 1956 in Ungarn wurde von den Anfechtern der Entstalinisierung zum Vorwand, um zu zeigen, wohin die Entspannung der sozialistischen Politiken führen könne. In Rumänien verfolgte Gheorghe Gheorghiu Dej seine harte stalinistische Linie, trotz seiner Widersacher Miron Constantinescu und Iosif Chişinevschi.



    Das Zentrum für Mündliche Geschichte des Rumänischen Rundfunks hat 2002 die Zeugenaussage von Ştefan Bârlea aufgenommen. 1957 war Bârlea ein junger Parteiaktivist, der mit den Jugend-Angelegenheiten beauftragt war. Er hat an der Sitzung teilgenommen, in der Miron Constantinescu und Iosif Chişinevschi die Ideologie des Anführers Dej angefochten haben. Laut Bârlea hatten die Sitzungen des Politbüros, die Verwaltungsma‎ßnahmen betrafen, einen streng geheimen Charakter. An diesen nahmen nur die Büro-Mitglieder teil.



    An der zweiten Sitzung nahm ich teil, da kam Gheorghiu-Dej nicht, Nicolae Ceauşescu hat die Arbeiten präsidiert. An der Sitzung nahmen noch Constantin Pârvulescu und drei-vier weitere Mitglieder teil. Man hat die ganze Lage darstellt und die Billigung dieser Ma‎ßnahmen begründet. Anwesend war auch Liuba Chişinevschi, die Ehefrau von Iosif Chişinevschi, die in diesem Konflikt involviert war. Die beiden Widersacher des Parteichefs, Constantinescu und Chişinevschi, waren nicht anwesend. Ceauşescu hat ausgeführt, Pârvulescu hat ergänzt. Alexandru Moghioroş war da und auch der Hautptakteur, Petre Borilă, ihn habe ich vergessen. Es hatte ein Gespräch in Moskau gegeben, nachdem Chruschtschow den Personenkult um Stalin entlarvt und veurerteilt hatte. An dem Treffen hatten Gheorghiu-Dej, Miron Constantinescu, Iosif Chişinevschi und Petre Borilă teilgenommen. Da wurden die Dinge im Allgemeinen dargestellt, so wie sie sich beim 20. Kongress der Kommunistischen Partei der Sowjetunion zugetragen hatten. Die beiden, Constantinescu und Chişinevschi, waren der Ansicht, dass es auch in Rumänien Probleme betreffend den Personenkult gab. Laut damaliger Regel musste nach jeder Auslandsreise im Politbüro Bericht erstattet und je nach Fall auch dem Zentral-Komitee Auskunft gegeben werden. Constantinescu und Chişinevschi haben es nicht direkt Gheorghiu-Dej gesagt. Die beiden sagten, auch Gheorghiu-Dej habe einen Personenkult entwickelt, auch in unserem Land sei diese Tendenz spürbar ist. Das hat Borilă zurückgewiesen.“




    Der Kampf um die Parteiführung spitzte sich zu, es stellte sich aber nicht mehr das Problem der physischen Beseitigung, wie zu Zeiten Stalins. Der Intellektuelle Miron Constantinescu und sein Gefährte Iosif Chişinevschi wurden nur stigmatisiert und ausgeschlossen. Ştefan Bârlea berichtet weiter:



    Dann versuchten die beiden, ohne dass es Gheorghiu-Dej wusste, Anhänger im Politbüro zu gewinnen. Der eine besuchte Constantin Pârvulescu, der andere Moghioroş, und die haben versucht ihnen die Idee der rumänischen Entstalinisierung zu verkaufen. Natürlich konnten sie sich nicht verständigen und es kam zu Diskussionen im Politbüro. Es hie‎ß, man habe Gheorghiu-Dej vor vollendete Tatsachen gestellt oder man habe die Absicht, das zu tun. Sowohl Pârvulescu als auch Moghioroş haben diese Anschuldigungen zurückgewiesen und im Politbüro angemessen Stellung genommen. Die beiden wurden isoliert. Miron Constantinescu wollte sich an Gheorghiu-Dej rächen, er hatte schon vor Stalin über ihn respektlos geredet, als über die Beseitigung von Ana Pauker diskutiert wurde. Gheorghiu-Dej hat ziemlich heftig reagiert und man hat beschlossen, dieses Thema im Rahmen der Plenarsitzung des Zentralkomitees zu besprechen. Der junge Ceauşescu hat uns mitgeteilt, man habe beschlossen, dass Miron Constantinescu und Iosif Chişinevschi in der Plenarsitzung des Zentral-Komitees den Bericht für das Politbüro mit allen Schlussfolgerungen vorstellen werden. Mit anderen Worten handelte es sich dabei um eine Art Selbstdemaskierung in der Plenarsitzung des Zentral-Komitees. Und das Zentralkomitee hat beschlossen, sie aus seinen Reihen auszuschlie‎ßen. Miron Constantinescu war ein enger Mitarbeiter von Gheorghiu-Dej und hatte wichtige Ämter in der Partei bekleidet, im Rahmen der sogen. sowjetischen Gruppe, die nach Rumänien gekommen war. Es war eigentlich ein Machtkampf, den Miron Constantinescu und Iosif Chişinevschi entfacht haben, um sich als Anführer der Partei zu profilieren. Gheorghiu-Dej war jedoch etwas gerissener als die beiden.“




    Das Echo der Entstalinisierung in Rumänien war schwach, für Gheorghe Gheorghiu-Dej hatte die Abrechnung mit Stalin überhaupt keine Folgen, sein Machtanspruch blieb unangetastet. Die wichtigste Folge der Entstalinisierung war der Abzug der sowjetischen Truppen aus Rumänien im Jahr 1958. Für die anschlie‎ßende Entwicklung Rumäniens spielte das aber keine wesentliche Rolle.

  • Nach Chruschtschows Abrechnung mit Stalin1956: Machtkämpfe unter rumänischen Kommunisten

    Nach Chruschtschows Abrechnung mit Stalin1956: Machtkämpfe unter rumänischen Kommunisten

    Beim 20. Kongress der Kommunistischen Partei der Sowjetunion hat Stalins Nachfolger, Nikita Chruschtschow, den Personenkult rund um seinen Vorgänger angeprangert. Damit läutete er einen Destalinisierungsprozess auch in den Satellitenstaaten der Sowjetunion ein.



    Mit Chruschtowschs Geste kamen Hoffnungen auf Änderungen auf. Durch die Verurteilung von Stalin begann Chruschtschow den sogenannten Destalinisierungsprozess, der in allen sozialistischen Ländern Auswirkungen hatte. Gheorghe Gheorghiu-Dej, Generalsekretär der Rumänischen Kommunistischen Partei, war in Rumänien einer der stärksten Befürworter des Stalinismus. Auf dem von Chruschtschow eröffneten Weg haben die rumänischen Kommunisten versucht, etwas zu verändern. Miron Constantinescu war ein idealistischer Intelektueller, der aus Überzeugung Mitglied der Kommunistischen Partei geworden war. Er hatte während des Regimes von Gheorghiu-Dej von den Aufstiegsmöglichkeiten in der Hierarchie der Partei profitiert und war Mitglied der Delegation der rumänischen Kommunisten bei der 20. Tagung der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Dort meinte er, es sei der Augenblick gekommen, Dejs Autorität zu untergraben.



    Der Historiker Gheorghe Onişoru vom Nationalen Institut für die Aufarbeitung des Totalitarismus erläutert, wie die Moskau eingeläutete Änderung die kommunistischen Führer in den der Satelitländern überraschte:



    Chruschtschows Bericht passte Gheorghe Gheorghiu-Dej gar nicht in den Kram. Es war ein Moment, in dem er glaubte, dass er die Situation in Rumänien fest im Griff habe. 1952 hatte er eine gegnerische Gruppe, gebildet aus Ana Pauker, Vasile Luca und Teohari Georgescu aufgelöst, 1954 hatte er Lucreţiu Pătrăşcanu, einen weiteren Widersacher, hinrichten lassen. Dej wusste es, seit 1952 die Sitzungen des Politbüros zu manipulieren und seine Nachteile gegenüber seinen Widersachern in Vorteile zu verwandeln und die Theorie der Vereschwörung der drei ehemaligen Mitkämpfer gegen die Partei in die Welt zu bringen. Dej kann man getrost als echten Stalinisten betrachten. Nachdem die rumänische Delegation zurück in die Heimat gekehrt war, wurde Chruschtschows geheimer Bericht und der Bericht der rumänischen Delegation später als sonst bekanntgemacht, und zwar erst am 23.-25. März 1956, während einer Plenarsitzung des Zentralkomitees. Der dritte Punkt sah die Vorstellung des Berichts der Delegation der Rumänischen Arbeiterpartei vor, die an dem zwanzigsten Kongress der Kommunistischen Partei der Sowjetunion teilgenommen hatte. Berichterstatter war Dej selbst. Miron Constantinescu hatte den Geheimbericht über den angeprangerten Personenkult und dessen Auswirkungen gelesen. Constantinescu erklärte daraufhin, er sei mit Dejs Bericht einverstanden, zu diesem Zeitpunkt waren also keine Meinungsunterschiede zu vermerken. Diese traten aber bei der ersten gro‎ßen Sitzung des Politbüros von Anfang April 1956 mit voller Wucht in Erscheinung.“




    Schon am nächsten Tag beginnt Miron Constantinescu seinen Angriff gegen Dej. Historiker Gheorghe Onişoru dazu:



    Auf der Tagesordnung der Sitzung im April standen die Sondergerichte des Innenministeriums, die Erschie‎ßung einiger Verbrecher nach dem gewöhnlichen Strafrecht, die missbräuchlichen Verhaftungen, die Verfolgung durch die informativen Strukturen des Innenministeriums einiger Personen im Staatsausschuss für Wirtschaftsplanung, der von Miron Constantinescu geleitet wurde, und die Überwachung von Constantinescu selbst. Im Politbüro sprach man nur noch unter vorgehaltener Hand. Constantinescu ging am ersten Tag in die Offensive und sprach von der Notwendigkeit der Sitzung, weil die Parteimitglieder dem Personenkult frönen würden. Constantinescu unterstreicht die Tatsache, dass der Personenkult in Rumänien negative Auswirkungen habe, und fügt hinzu, dass nach 1952, mit der Auflösung der Gruppe um Ana Pauker, sich besorgniserregende Entwicklungen in der Tätigkeit des Innenminiusteriums bemerkt machen würden. Die politische Polizei Securitate würde ungehindert missbräuchlich handeln. Constantinescu sagte noch, die Securitate habe sich nach 1953 nicht mehr an die Anweisungen der Partei gehalten. Als er den Wirtschaftsplanungsauschuss CSP geleitet habe, seien mehrere Beamte, die mit ihm direkt zusammengearbeitet haben, von der politischen Miliz angeworben sein. Constantinescu prägte dabei den Spruch ‚Der Genosse Dej ist einer der besten Perteiführer, die wir haben, aber nicht der einzige‘.“




    Dej war jedoch viel zu mächtig und wurde von Constantinescus Angriffen nicht geschwächt. Mit einem geschickten Diskurs passte er sich dem neuen Wind an, der aus Moskau wehte, so dass er seine Machtposition in der Partei beibehalten konnte und zudem der neuen idologische Linie von Moskau Treue schwor. Historiker Gheorghe Onişoru dazu:



    Diejenigen, die die Mehrheit im Politbüro bildeten, haben Dej unterstützt, darunter Alexandru Drăghici. Gheorghe Apostol greift ebenfalls Constantinescu an. Chivu Stoica fragt Constantinescu, warum er auf das Problem nicht schon im März verwiesen habe, als der Bericht vorgestellt worden war. Auch Alexandru Moghioroş unterstützt Dej und fragt Constantinescu, warum er Dejs Methoden nicht früher kritisiert habe. Constantinescu wurde wiederholte Male lautstark gefragt, ob er nicht etwa einen forcierten Zusammenhang herstellen wolle zwischen dem, was in der UdSSR bezüglich des Personenkultes passiert war, und den Methoden von Dej. Bodnăraş, Dejs Freund, kommt als letzter zu Wort und macht Constantinescu nieder. Miron Constantinescu entschuldigt sich am nächsten Tag für die Art und Weise, wie er das Problem im Politbüro vorgestellt habe, und sagt, er sei bereit, sich jedweder Entscheidung des Politbüros zu fügen. Die Sitzung endete mit Dejs Rede. Alles war nun wieder in Ordnung, Constantinescus Rebellionsversuch war gescheitert.“




    Dej hat nach diesem Entmachtungsversuch Rumänien weiter mit einer eisernen Hand geführt und nachträglich sogar erklärt, dass in Rumänien das Problem der Destalinisierung zur damaligen Zeit gar nicht bestanden habe, weil er das bereits vor Stalins Tod selbst gelöst habe. Dej überlebte folglich allen Attacken seiner Widersacher und sollte zwei Jahre später, 1958, die zweite Etappe seiner Diktatur einläuten — die Epoche des National-Kommunismus.