Tag: Ion Bucheru

  • Rumänisches Fernsehen in den 1960er–70er Jahren: staatliche Propaganda, aber auch sozialer Auftrag

    Rumänisches Fernsehen in den 1960er–70er Jahren: staatliche Propaganda, aber auch sozialer Auftrag

    Ab Mitte der 1940er Jahre wurden Printmedien und Hörfunk zentral gesteuert. Die Geburtsstunde des Fernsehens fand vor einem Hintergrund der ständigen Kontrolle vonseiten der Staatspartei statt. Die rumänische Presse diente in der Nachkriegszeit der kommunistischen Propaganda, aber das 1957 gegründete Fernsehen versuchte, auch sozialen Themen und Unterhaltungssendungen nach westlichen Standards Rechnung zu tragen. Der Journalist Ion Bucheru war Anfang der 1970er Jahre Vizeintendant der Rumänischen Rundfunkanstalt. Zuvor hatte er bei den Printmedien gearbeitet und sah den Posten beim Fernsehen als Herausforderung an. In einem Interview mit dem Zentrum für Mündliche Geschichte des rumänischen Hörfunks von 2003 erklärt Bucheru, dass das Fernsehen eine Investition gewesen sei, mit der versucht wurde, Rumänien den Anschluss an die restliche Welt zu ermöglichen.



    Der Zufall wollte es, dass ich 1970 eine Stelle beim Fernsehen angeboten bekam. Es sei erwähnt, dass zu dem Zeitpunkt gerade die neue Sendeanlage in der Calea Dorobanţilor fertiggestellt worden war, zu dem Zeitpunkt eine der modernsten Sendeanlagen der Region, die technisch mit den neuesten und den leistungsstärksten Geräten ausgestattet war — auf jene Zeit bezogen, natürlich. Leider waren die Dimensionen nicht genau berechnet worden, d.h. bei der Planung und dem Bau war ein Betrieb von etwa 50 bis 55 Stunden pro Woche vorgesehen: Sendung, Produktion und Ausstrahlung. Für dieses Arbeitsvolumen war die Sendeanlage ideal, sie war funktional gebaut, die gro‎ßen Studios, die Produktion, insgesamt waren die drei Studios zu diesem Zeitpunkt ausreichend. Nun, bald sollte sich die Investition aufgrund des Ausma‎ßes des Fernsehens als überholt erweisen. Ich sollte den gesamten journalistischen Bereich übernehmen, d.h. alle journalistischen Programme, soziale Recherchen, all das, was Reportage bedeutete, au‎ßerhalb der Nachrichten und des Journals und der Wirtschaftsprogramme.“




    Natürlich bestand der Hauptauftrag des staatlichen Fernsehens in der Propaganda zugunsten des Regimes. Im Interview von 2003 machte Bucheru keinen Hehl daraus.



    Von einem Vizepräsidenten erwartete man die Koordination und Ausrichtung einiger Bereiche und natürlich die politisch-ideologische Ausrichtung der Programme und ebenso die unbedingt notwendigen kulturellen Elemente, die zu dieser Zeit, in den 70er Jahren, selbstverständlich waren. Der gesamte Prozess erlebte irgendwann einen sehr schnellen, sehr scharfen, dramatischen, sogar tragischen Verfall. Als ich zum Fernsehen kam, war die allgemeine Ausrichtung der Anstalt jene eines Parteiorgans, wie das in der gesamten Presse der Fall war. Der erste Punkt der Verfassung sah die Parteiführung in allen Tätigkeitsbereichen vor, insbesondere in den Bereichen des geistigen, kulturellen, politischen, ideologischen Lebens. Ich glaube nicht, dass irgendjemand der Welt vorgaukeln sollte, er hätte vor 89 in der rumänischen Presse gearbeitet, ohne in der Parteipresse zu arbeiten! Natürlich gab es einen gewaltigen Unterschied zwischen der Art und Weise, in der dieses Prinzip bei Kulturzeitschriften wie »Secolul XX« (»Das 20. Jahrhundert«) oder »România Literară« gelebt wurde, obwohl auch diese als Organ des Schriftstellerverbandes eine gewisse Bedeutung hatte, und etwa bei der Rundfunkanstalt. Im Grunde war es aber dasselbe.“




    In den 1970er Jahren erreichte das rumänische Fernsehen 117 Stunden Sendezeit pro Woche, eine beeindruckende Statistik für seine damaligen Ressourcen, die jedoch im Vergleich zu westlichen öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern eher bescheiden ausfiel. Trotzdem habe das Fernsehen eine kulturpädagogische Funktion übernommen, berichtete Ion Bucheru.



    Das Filmrepertoire war recht ordentlich, obwohl die Spielfilme einen geringeren Anteil hatten als bei westlichen Fernsehsendern, darunter auch das öffentliche Fernsehen. Die Filme waren pädagogisch wertvoll. Die Serien waren im Allgemeinen aufmerksam ausgewählt und ich gehörte zu den gro‎ßen Konsumenten von BBC-Fernsehserien. Es ist zum Beispiel interessant, dass die »Forsyte Saga« in Bukarest ausgestrahlt wurde, noch bevor sie in Paris ausgestrahlt wurde. Das Fremdsprachenprogramm begann in den 1970er Jahren, als ich dort ankam, mit dem präzisen Auftrag, Fremdsprachenkurse im Fernsehen anzubieten.“




    Auch die sozialen Inhalte waren in den 1970er Jahren, in denen ein wenig Meinungsfreiheit erlaubt war, äu‎ßerst beliebt. Aber dies sollte sich im nächsten Jahrzehnt ändern. Ex-Vizeintendant Ion Bucheru erinnerte sich 2003 an zwei sehr beliebte soziale Sendungen: Reflector“ und Ancheta socială“.



    Ich war für »Reflector« als Vertreter der Institutionsleitung verantwortlich. Die Sendung wurde zu dieser Zeit zweimal in der Woche gesendet, und »Ancheta socială« wurde mindestens alle zwei Wochen ausgestrahlt. »Reflector« war 20, manchmal 25 Minuten lang, »Ancheta« stieg auf 50 Minuten an und sogar eine Stunde. Diese beiden Programme waren zu einer sozialen Institution geworden: Die Menschen wandten sich oft an »Reflector« und »Ancheta socială«. Die fünf Produzenten des »Reflector« waren wie Staatsanwälte, die ihr Mandat wie ein öffentliches Mandat ausübten. Sie hatten einen persönlichen Briefwechsel mit den Menschen, sie wurden einfach von Personen gerufen, die keine andere Hoffnung mehr hatten, oder von Institutionen, die sogar die rechtlichen Möglichkeiten zur Beilegung von Rechtsstreitigkeiten mit Privatpersonen und anderen Behörden ausgeschöpft hatten.“




    In den späten 1970er Jahren bü‎ßte das rumänische Fernsehen jedoch an Attraktivität ein, und seine Programme wurden zunehmend farblos und dem Personenkult um Nicolae Ceauşescu verschrieben. In den 1960er und vor allem in den 1970er Jahren hatten die Journalisten der Anstalt aber bewiesen, dass sie ihren Beruf professionell hätten ausüben können, wenn sie die Freiheit gehabt hätten.

  • Television and the society between 1960-1970

    Television and the society between 1960-1970





    Between 1945 and 1989 the Romanian mass media was controlled by the Communist power. The process of gaining power over the media was gradual and took place at a fast pace. In mid-1940s the communists took control over the print media and the national radiobroadcaster, and when television emerged, everything was already controlled by the party-state. The Romanian press was mostly propaganda press but television, set up in 1957, was focusing more on social subjects and programs from the West. Journalist Ion Bucheru was the vice-president of the Romanian Radio and Television Corporation in the early 1970s. He had previously worked in the print media and he took his new appointment as a challenge.



    In a 2003 interview to the Oral History Center of the Romanian Radio Broadcasting Corporation, Ion Bucheru explained that television was an investment that attempted to connect Romania to the world: “It so happened that in 1970 I was asked to work in the Romanian Television. It was the moment when the new television center in Calea Dorobanti had been finished. At the time, it was one of the most modern television centers in this part of Europe, equipped with state-of-the-art technology and the best quality equipment for that time. Unfortunately, the television center was not designed to meet future requirements. When it was designed and built, they envisaged a volume of about 50-55 hours per week for editing, production and broadcasting. The television center was ideal for this amount of work as it had been designed to be functional. It had large production studios, there were three of them and, at that moment, they seemed sufficient. But quite soon, the investment showed its limitations, given the television boom. I was assigned to take over the periodicals, the periodical programs, the social investigation programs, everything that was related to reporting, outside the News and Current Affairs department and the economic news and programs.”



    Of course, the state television’s main mission was propaganda in favor of the regime. And Bucheru admitted to that reality: “A vice-president was expected to coordinate and set the guidelines for certain sectors, and of course to provide the political and ideological orientation of the programs. At that time, between 1969 and 1970, only strictly necessary cultural elements were included in the programs. Subsequently, the whole process started to collapse, at a fast and intense pace. When I started working in television, I was aware of the institution’s general orientation, it was the propaganda press for the party, just as the entire press was. The first item in the Constitution stipulated that all sectors of activity shall be managed by the party, especially the sectors dealing with the spiritual, cultural, political and ideological life. Everybody who worked in the Romanian press before 1989 actually worked for the party press, and that’s a fact! Of course, there was a big difference in the way in which this principle was applied at such publications as “20th Century” and “Literary Romania”, with the latter being a little bit more important as the magazine of the Writers’ Union.”



    VF In the 1970s, the Romanian television was producing 117 programs per week, which was an impressive figure given its capabilities. However, its production was modest in comparison with that of the western public televisions. Even so, the Romanian television assumed a cultural and educational role. Here is Ion Bucheru back at the microphone: “The television’s film repertoire was quite good, although films accounted for a smaller percentage in the Romanian television’s programming than in the western televisions. It included quality films. The selection of film series was good, so Romanians were among the first big consumers of BBC-type TV series. What’s interesting is that Forsyte Saga was broadcast in Bucharest before it was broadcast in Paris. The French had not yet bought Forsyte Saga from the English when the Romanian television was already broadcasting it. The foreign languages program was set up in the 1970s, when I had a mandate to implement a program of teaching foreign languages by means of television.”



    Social programs were very popular in the 1970s, when there was still some freedom of expression, which unfortunately vanished into thin air in the next decade. Ion Bucheru talked about two highly appreciated social programs “Spotlight” and “Social investigation’: “I was in charge of the Spotlight program, as representative of the institution’s leadership. At that time, this was a 20-minute or sometimes 25-minute program aired twice a week while Social Investigation was a 50-minute or even one-hour program at least once every two weeks. These two shows had become a social institution and the five people who were regularly producing the show Spotlight were like prosecutors who were doing their job on a public mandate. They used to receive personal letters, they were called by people who had lost all hope or by institutions that had exhausted all legal methods for solving their conflicts with private persons or other institutions.”



    But, in the late 1970s, the Romanian television stated losing its popularity, its programs becoming more and more boring and focusing more on Nicolae Ceausescu’s cult of personality.