Tag: Kaderschmiede

  • Bildungswesen im Kommunismus: Die Arbeiterhochschule als Kaderschmiede

    Bildungswesen im Kommunismus: Die Arbeiterhochschule als Kaderschmiede

    Die Bildungsreform von 1948 führte in Rumänien zur Gründung einer neuen und sonderbaren Bildungsinstitution: die Arbeiter-Hochschule. Die herkömmliche Universität galt laut kommunistischer Ideologie als eine Form der kapitalistischen Ausbeutung. Der Arbeiter wurde das Wahrzeichen des kommunistischen Regimes. Die Arbeiter-Hochschule musste neue Kader bilden, um die alten Eliten zu ersetzen. Zudem hatte sie eine Kontrollfunktion. Das Regime konnte das Leben der jungen Studenten unter Beobachtung halten. Andrei Banc studierte Mitte der 1950er Jahre, um Radio- und Fernsehen-Journalist zu werden. In einem Interview von 2002 mit dem Zentrum für Mündliche Geschichte des rumänischen Rundfunks erinnerte er sich an die Zeit, die er auf der Arbeiter-Hochschule verbrachte.



    Als mein Studium 1955 anfing, war das kommunistische Regime gerade mal 9-10 Jahre alt, nach den Wahlen von 1946 fing es an. In 9 Jahren musste das Regime einen ganzen Staatsapparat aufbauen. So gelangen auf leitende Posten sehr viele Arbeiter, Menschen, deren soziale Herkunft nach kommunistischen Ma‎ßstäben in Ordnung war. Es handelte sich aber dabei um Menschen, die nicht einmal das Gymnasium abgeschlossen hatten. Sie haben dann anstelle des Gymnasiums die Arbeiter-Hochschule besucht, es waren Leute, die nur die Grundschule besucht hatten. In 2 Jahren wurde also das Gymnasium absolviert, was eigentlich damals nicht so schlimm war, weil auch meine Generation das Gymnasium in zwei Jahren, nach russischem Modell, abgeschlossen hat. Mehr als ein Drittel meiner Kollegen waren von der Arbeiter-Hochschule waren Menschen, die viel älter als wir waren. Sie alle waren Parteimitglieder. Wir, die anderen Studenten, waren Kinder, 16-17 Jahre alt.“




    Die Studenten der Arbeiter-Fakultät waren Erwachsene, die die Ideologie des Regimes angenommen hatten und das Regime unterstützten. Sie hatten auch die Aufgabe, die jüngeren Studenten ideologisch zu betreuen. Andrei Banc dazu:



    Die Schüler, die heutzutage das Gymnasium beenden, sind 19-20 Jahre alt. Viele meiner Kolleginnen waren in diesem Alter schon verheiratet. Manche hatten auch Kinder, sie heirateten Männer, die einen in Bukarest ausgestellten Personalausweis hatten, um sicher zu sein, dass sie eine Stelle in der Hauptstadt bekommen. Einige dieser Kollegen von der Arbeiter-Hochschule waren doppelt so alt wie wir. Jetzt, da ich über 60 Jahre alt bin und sie über 70 oder knapp 80 sind, ist der Unterschied nicht mehr so spürbar. Aber als ich 16 war und sie 32, war es das doppelte Alter. Sie waren verheiratet, hatten Kinder, die meisten arbeiteten auch, sie hatten Verantwortlichkeiten, konnten sich unsere Ausgelassenheit nicht leisten. Sie waren Parteimitglieder, Arbeiter und riskierten ihren Job und ihren Studenten-Status zu verlieren. Und sie mussten ja eine Familie ernähren, das war nicht einfach.“




    In allen Studenten-Organisationen nahmen Studenten von der Arbeiter-Hochschule die leitenden Posten ein. Andrei Banc berichtet weiter:



    Die Partei-Sekretäre in jedem Jahr kamen von der Arbeiter-Fakultät, unser Partei-Sekretär war ein wunderbarer Mensch. Man muss jetzt nicht glauben, dass all diese Leute engstirnig waren. Er war doppelt so alt wie ich und war Journalist bei der Zeitung »Munca«. Das Büro der Arbeiterjugend-Union war aus demokratisch gewählten Stunden gebildet, der Parteisekretär wurde ernannt und war ein etwas älterer Herr von der Arbeiter-Fakultät. Es gab noch eine dritte Kategorie, die Kategorie derer, die Studenten an der Arbeiter-Fakultät waren, jedoch schon zu wichtige Ämter bekleideten, um noch die Kurse zu besuchen. Diese kamen nur zu den Prüfungen. Auf die Prüfungen habe ich mich immer mit Aninoiu und ein paar anderen vorbereitet. [Dumitru Aninoiu wurde später Diplomat im Dienste des kommunistischen Regimes und pflegte ein nahes Verhältnis zur Securitate — Anm. d. Red.] Sie hatten keine Notizen, wussten nichts. Wir bildeten eine Gruppe von 10-12 Leuten, wir, die Jüngeren, die bessere Ergebnisse hatten, zusammen mit einigen von der Arbeiter-Fakultät, die nicht so gut waren, auch mit Aninoiu, und so bereiteten wir uns auf die Prüfungen vor. Aninoiu war Direktor bei der Presse-Abteilung, auch wenn er kein Studium abgeschlossen hatte. Heute scheint alles komplizierter zu sein. Es gab eine Gruppe von jüngeren Unheilstiftern, das waren wir, und dazu kam eine Gruppe von ernsthaften Personen von der Arbeiter-Fakultät.“




    Die Arbeiter-Fakultät war ein Parasit im rumänischen Bildungssystem, der in einer ersten Etappe Kader für das kommunistische Regime bildete. In den 1960er Jahren stellte diese die Basis für die ideologische Hochschule der Partei dar.

  • Die kommunistische Kaderschmiede „Ştefan Gheorghiu“

    Die kommunistische Kaderschmiede „Ştefan Gheorghiu“

    Der Kommunismus war als Doktrin, Gesellschaftsform und politisches Regime die erste Ideologie, die behauptet hat, nur auf rationaler Erkenntnis zu beruhen. Alles, was seinen Prinzipien nicht entsprach, musste verschwinden. Die Suche nach der Wahrheit, auf der die neue Gesellschaft aufgebaut werden sollte, die Erkenntnis und die Forschung mussten neu durchdacht werden. Aus diesen Gründen wurde die Akademie für sozial-politische Wissenschaften Ştefan Gheorghiu“ gegründet. Diese sollte als Kaderschmiede dienen.



    Die Akademie wurde am 21. März 1945 von der kommunistischen Partei unter dem Namen Arbeiter-Universität der Rumänischen Kommunistischen Partei“ gegründet. Der Institution war die Rolle zugedacht, das traditionelle Konzept der Universität zu bekämpfen. Der Name Ştefan Gheorghiu“ stammt von einem sozialistischen Vorkämpfer des 19. Jahrhunderts. Der Historiker Cosmin Popa vom Geschichts-Institut Nicolae Iorga“ in Bukarest erläutert die Umstände:



    Die Gründung der Akademie für soziale Wissenschaften am Anfang der 1970er Jahre kann als eine Hinwendung des kommunistischen Regimes in Rumänien zum Konservatismus angesehen werden. Es war auch ein klares Signal, dass die Partei und ihr Anführer eine bestimmte Ideologie durchsetzen wollten. Der massive Wandel in den Machtstrukturen, die Wiedereinführung der kollektiven Leitung und der internen Partei-Demokratie, die Fortsetzung der Reform-Prozesse, um Antworten auf die Herausforderungen des dynamischen Kapitalismus zu finden, sind typische Entwicklungen in allen kommunistischen Staaten in den 1960er und 1970er Jahren.“




    Dem kommunistischen Regime in Rumänien hat die Legitimität gefehlt. Die herausragendsten Intellektuellen wollten mit diesem nicht zusammenarbeiten. Mitte der 1960er Jahre öffnete sich das Regime gegenüber den Intellektuellen. Viele haben dann das Angebot nicht mehr abgelehnt. Historiker Cosmin Popa:



    Das Ende der 1960er Jahre stellte für Nicolae Ceauşescu den Moment dar, in dem er aus den Bemühungen in der Beziehung zur intellektuellen Elite Nutzen ziehen wollte. In einer Rede vom September 1969, die die Botschaften Ceauşescus beim 10. Parteitag detaillieren und verfeinern sollte, erklärte Paul Niculescu-Mizil, Mitglied des Zentralkomitees der Rumänischen Kommunistischen Partei, dass die Gegensätzlichkeit zwischen der neuen und der alten Intelligenz überwunden wurde. Rumänien verfügte seiner Ansicht nach über eine Intellektuellenschicht, die zum Gro‎ßteil aus den Reihen der Arbeiter stammte. Die Rede bot eine Reihe von Interpretationsarten der Partei-Politik in puncto rumänischer Kommunismus an: die Beziehung der Partei zu den Intellektuellen und die Gliederungs-Prinzipien des Bildungs- und Forschungs-Systems. Diese ging von einer korrekten Voraussetzung aus. Die Gesellschaft befand sich mitten in einer wissenschaftlichen Revolution, die die politische Bedeutung der Intellektuellen aufwertete. Das brachte auch einen Wandel in den ideologischen Verwaltungs-Institutionen dieser Intellektuellen mit sich. Vom Erfolg ihrer Unternehmungen hing der Aufbau des Kommunismus ab.“




    Am 3. Oktober 1971 kam die Entscheidung des Exekutiv-Komitees des Zentral-Komitees der kommunistischen Partei betreffend die Organisierung der Akademie für sozial-politische Bildung und die Weiterbildung der Leitungs-Kader von Ştefan Gheorghiu“. Die Akademie hatte als Aufgabe, neue Kader in allen Bereichen auszubilden. Diese sollten dann Ämter im Partei- und Staats-Apparat bekleiden. Das Misstrauen des Regimes gegenüber der ideologischen Tätigkeit der traditionellen Forschungs-Institutionen lie‎ß die Akademie Stefan Gheorghiu“ eine immer wichtigere Rolle spielen. Historiker Cosmin Popa dazu:



    Die ideologische Kontrolle der sozialen Wissenschaften war nicht das Hauptziel dieser Unternehmungen. Keiner bezweifelte die Wirksamkeit der angeordneten Kontrollma‎ßnahmen, denen sich Intellektuelle in öffentlichen Institutionen fügen mussten. Die Partei-Anführer zielten auf einen erhöhten Professionalismus der politischen Verantwortlichen und auf eine effizientere Ausgabe der Ressourcen ab. Insbesondere die Wirtschaftler standen in der Kritik von Ceauşescu und der Propaganda-Verantwortlichen. Das Regime fühlte sich ausreichend konsolidiert, um nicht mehr auf die Strafdimension der ideologischen Kontrolle zu beharren. Die Partei fühlte aber in ihrem Dynamismus ein gewisses Unbehagen gegenüber den bürgerlichen Gliederungsformen der wissenschaftlichen Forschung und der beruflichen Anerkennung. In der Auffassung Ceauşescus hatten sich die traditionellen Forschungsstätten einem veralteten Weltbild des realitätsfernen Intellektuellen verschrieben und entsprachen somit nicht den Anforderungen, die die rapide wirtschaftliche Entwicklung mit sich brachte. Darüber hinaus bereiteten die traditionellen intellektuellen Milieus auch den Kadern der Agitprop Kopfzerbrechen.“




    Trotz des Ehrgeizes des Regimes, eine Elite-Universität zu gründen, wurde die Akademie Ştefan Gheoghiu“ als ein Instrument des Regimes empfunden. Bis zum Fall des Kommunismus wurde sie als Institution des repressiven Apparats wahrgenommen. Sie verschwand gleich nach der Revolution vom Dezember 1989.



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