Tag: Urbanisierung

  • City-Index, das Barometer der rumänischen Städte

    City-Index, das Barometer der rumänischen Städte

    Durch eine objektive und vergleichende Bewertung von Leistungen und Fortschritten können Städte für diejenigen, die in ihnen leben, sie besuchen oder in sie investieren, attraktiver gemacht werden, wodurch die Lebensqualität und das städtische Wohlbefinden verbessert werden.

    Florian Filat, Gründungsmitglied des Instituts für visionäre Städte und geschäftsführender Direktor von City Index, erklärt, woher der Bedarf an einem Ranking der Städte in Rumänien kam.

    Als ich vor zwei Jahren das Institut für visionäre Städte gründete, stellte ich fest, dass es in Rumänien keine große Kultur der Messung gibt. Entscheidungen werden aus dem Bauch heraus getroffen, mehr nach Intuition. Wir waren der Meinung, dass die Städte einige Benchmarks brauchen, und so dachten wir, dass ein Instrument erforderlich ist, um Daten zu sammeln, die Leistung zu messen und den Fortschritt aufzuzeigen. So haben wir diesen City Index geschaffen, der im Wesentlichen eine sehr breit angelegte Analyse ist, die umfassendste Analyse der städtischen Leistung in Rumänien, die je durchgeführt wurde. Er umfasst 51 Indikatoren für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in allen möglichen Bereichen: Sehenswürdigkeiten, Parks, Umwelt, Vernetzung, Gesundheit, Bildung und Wirtschaft.”

    Bei der Zusammenstellung der Top 3 werden drei Leistungskomponenten berücksichtigt: Qualität, Wohlstand und Dynamik.

    Qualität ist alles, was wir als Qualität der Umwelt, Qualität des Ortes, Qualität der Sehenswürdigkeiten, Qualität der Bildung, Qualität der Gesundheit bezeichnen. Dann geht es bei Wohlstand um die wirtschaftliche Dimension, die öffentlichen Finanzen, die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit der Stadt, Innovation, aber auch um Aspekte wie Arbeitslosigkeit, Löhne, Erschwinglichkeit von Wohnraum. Und die dritte Dimension, die Dynamik, ist das, was einer Stadt und dem städtischen Leben Würze verleiht. Es geht um Sport, Kultur, Restaurants, kulinarische Erlebnisse, Einkaufsmöglichkeiten und Tourismus.

    Zu den Top-Städten auf der Liste des Instituts für visionäre Städte gehören Cluj Napoca, Bukarest und Sibiu, in dieser Reihenfolge. Berücksichtigt man hingegen nur die Umweltindikatoren, den grünen Fußabdruck und die Luftqualität, würde eine Stadt in der Gesamtwertung von Platz 28 auf den ersten Platz vorrücken. Dies ist Reșița, so Florian Filat, Geschäftsführer von City Index.

    Sie hat den größten grünen Footprint. Wir haben einen neuen Indikator geschaffen, den wir ‘Grüner Fußabdruck’ getauft haben, der die Grünfläche summiert und dabei nicht nur berücksichtigt, was rechtlich in dieser Fläche und im Grünflächenkataster der Stadt enthalten ist, das nur Grünflächen im öffentlichen Bereich umfasst. Der Grüne Fußabdruck umfasst alles, was grün ist, die gesamte Vegetation in der Stadt, egal ob sie sich im öffentlichen oder privaten Bereich befindet. Das war ein Element, das wir in den Grünen Fußabdruck aufgenommen haben, aber wir haben es nicht nur auf das Wohngebiet der Stadt beschränkt. Wir sind noch einen Kilometer um die Stadt herumgegangen, um die Wälder mit einzubeziehen, denn einige Städte liegen direkt am Waldrand. Reșița ist in der Tat die Stadt mit dem größten grünen Fußabdruck im Verhältnis zur Bevölkerung.”

    Andererseits ist Valcea unter Berücksichtigung von Umweltindikatoren und anderen Faktoren der Landkreis mit der höchsten Lebenserwartung in Rumänien. Hier liegt der Durchschnitt bei über 81 Jahren. Gleichzeitig ist es der einzige Kreis in Rumänien, in dem die durchschnittliche Lebenserwartung über 80 Jahre liegt.

  • Die Stadt mitten in der Stadt

    Die Stadt mitten in der Stadt

    Die erste urkundliche Erwähnung der Stadt Bukarest stammt vom 20. September 1549. Es handelt sich dabei um eine Urkunde, die bei der Kanzlei des Woiwoden Vlad Ţepeş verfasst wurde. Im Jahr 1862 wird Bukarest zur Hauptstadt der Vereinigten Fürstentümer der Moldau und des Rumänischen Fürstentum. Es entwickelt sich als wichtiges Kultur- und Kunstzentrum. Anfang des 20.Jh. ahmt die Bukarester Elite das westliche Vorbild nach, besonders das französische. Die besondere Architektur und die Boheme Bukarests brachten der Stadt vor dem Ersten Weltkrieg den Spitznamen Klein-Paris“, den es auch in der Zwischenkriegszeit behielt. Leider griff das kommunistische Regime brutal in die Bukarester Architektur und Infrastruktur ein. Zahlreiche historische Denkmäler wurden dem Boden gleich gemacht, besonders während der 1980er Jahre, um für die Arbeiterquartale“ Platz zu schaffen. Zurzeit ist Bukarest aus verwaltungstechnischer Sicht in sechs Bezirken eingeteilt, deren Grenzen in der Stadtmitte beginnen und am Stadtrand enden. Der Historiker Emanuel Bădescu spricht über die Geburt der heutigen Hauptstadt Rumäniens.



    Bukarest hatte einen Stadkern, der Fürstenhof oder den Fürstenpalast und ein Dorf, das sich um die Kirche Sankt Georg der Alte entwickelt hat. Es handelt sich um das Randviertel Popescui. Dieses Randviertel erstreckte sich bis hinter Delea Veche und Delea Nouă sowie bis in die Nähe des Klosters Mărcuța, in Ostbukarest. Oberstleutnant Papazoglu, rumänischer Historiker, Archäologe und Geograf aus den 19.Jh. war der Meinung, dass das Quartal Dobroteasa, der Geburtsort der Stadt gewesen sein soll. Das ist das zweite Quartal, in das er umgezogen ist, nachdem er in den Häusern des Fürsten Ghika, an der Brücke Mihai Vodă gewohnt hatte. Er hat sich um nur einige hundert Meter geirrt, denn der Kern war, wie gesagt, um die Kirche Sankt Georg der Alte.“




    Der dritte Bezirk der Hauptstadt umfasst den grö‎ßten Teil des historischen Stadtzentrums. Eine sehr interessante Mischung zwischen alten Gebäuden, die repräsentativ für Bukarest sind, und neuen Quartalen erstreckt sich der 3. Bezirk vor der Gegend des Universitätsplatzes bis zum östlichen Stadtrand Bukarests. Der Bezirk hat eine Fläche von 34 qkm und ist der meistbevölkerte unter den Bukarester Bezirken, mit einer stabilen Bevölkerung von 342 Tausend Personen, gemä‎ß der Volkszählung von 2011. Folglich wird er als eigenständige Stadt angesehen. Diese wurde im Laufe ihrer Geschichte aus mehr oder weniger bekannten Gründen zahlreichen Wandlungen ausgesetzt. Einzelheiten hat der Historiker Emanuel Bădescu.



    Diese Stadt in der Stadt“ ist der Ort, der unter dem gro‎ßen Brand vom 23. März 1847 am meisten gelitten hat. Wenn wir auf die Karte blicken, die der Oberstleutnant Papazoglu erstellt hat, können wir feststellen, wo der Brand stattgefunden hat. Dieser brach auf dem Hof der Familie Filipescu vor der Kirche Sankt Dumitru aus und weitete sich dann bis hinter die Kirche Sankt Stefan, auf der heutigen Călăraşilor Stra‎ße, der damaligen Vergului-Brücke aus. Praktisch har dieser gro‎ße Brand den ganzen 3. Bezirk von heute erfasst. Den 3. Bezirk, wo nach dem Brand die ersten Bauvorschriften eingeführt wurden. Diese haben Gheorghe Bibescu und sein Bruder Barbu Ştirbey vorgeschlagen. Die besagten Normen blieben bis heute für den Bau der Privatgebäude gültig. Ich wei‎ß nicht, welche Rolle die Willkür und auch nicht, welche Rolle die vorsätzliche Brandstiftung bei dem gro‎ßen Brand zu der Zeit gespielt haben. Ich denke an bestimmte Gegenden, die verdächtigerweise nicht abgebrannt sind. Z.B. blieb das alte Rathaus, das von Xavier Villacrosse 1843 gebaut wurde, verschont. Das Gebäude wurde erst später abgerissen, als der Dâmboviţa-Kanal, um das Jahr 1880, gebaut wurde.




    Auf dem heutigen Platz der Universität Bukarest, eines der wichtigsten Gebäude an der Grenze zwischen dem 1. und dem 3. Bezirk Bukarests, stand das alte Sankt Sava Kloster. Im 18. Jh. wird das Schulkloster zur Fürstenakademie. Im Jahr 1918 setzte Gheorghe Lazăr hier die Grundlagen des rumänischen Bildungswesens durch die heutige Universität. Die Nationalbank Rumäniens, der Postpalast (heute das Nationale Geschichtsmuseum Rumäniens), der Gasthof Manucs, aber auch die Kirchen Stavropoleos, Colțea, Fromme Botschaft und die Russische Kirche sind Architekturdenkmäler, die glücklicherweise der kommunistischen Ära standgehalten haben. Das ist aber nicht der Fall anderer Gegenden im 3. Bezirk, die besonders wichtig für die Geschichte Bukarests waren, wie Emanuel Bădescu erklärt.



    Umso schmerzhafter war die Feststellung des Historikers, als er den gro‎ßen Zerstörungen zwischen 1981 und 1986 begegnet ist. Zu der Zeit hatte dieser Bezirk viel mehr zu leiden als die anderen fünf. Es geht um die Zerstörung des ältesten Randviertels Bukarests, das Randviertel Popescu, das den alten Kern zwischen der Kirche Sankt Georg der Alte und der Kirche Sfânta Vineri darstellte. Die neuen Plattenbauten wurden bis in die Kreuzung zwischen der Călăraşilor Stra‎ße und der Mihai Bravu Stra‎ße gebaut. Wir stellen fest, wie der alte Teil des Bezirks, einschlie‎ßlich der Hauptstadt verstümmelt wurde. Über die Moşilor Stra‎ße blieb die Kirche, die von dem Marschall Ion Antonescu errichtet wurde, die auch seine Statue beherbergt.“




    In den Wohnvierteln au‎ßerhalb des Stadtzentrums – Dristor, Muncii, Titan und Timpuri Noi – konzentriert sich derzeit der Gro‎ßteil der Bevölkerung des 3. Bezirks der Hauptstadt. Die vertikale Organisation der Stadt wurde in der kommunistischen Zeit als Lösung erdacht, die der Urbanisierungspolitik entgegen kommen sollte. Zurzeit erregt die Immobilienentwicklung Besorgnis im Hinblick des Schicksals der historischen Denkmäler und Gegenden Bukarests.

  • Streunerhunde in Rumänien – ein Blick in die Vergangenheit

    Streunerhunde in Rumänien – ein Blick in die Vergangenheit

    Der Kanon der politischen Korrektheit will es, dass Streunerhunde heute auch als herrenlose“ oder sogar als gemeinschaftliche“ Hunde bezeichnet werden. Die Stra‎ßenhunde waren schon im vergangenem Jahrhundert ein ungelöstes Problem in den rumänischen Städten. Die Ursachen für dieses Erbe sind komplex, sie reichen von der Unfähigkeit der Behörden, klare und rigorose Gesetze zu erarbeiten und umzusetzen, bis zum verantwortungslosen Umgang mancher Menschen mit den Vierbeinern.



    Die Streunerhunde werden mit Schmutz, Krankheiten und unsicheren Stra‎ßen in Verbindung gebracht. Auch nachdem Menschen von Hunden auf der Stra‎ße totgebissen wurden, hat man dieses Problem in Rumänien nicht lösen können. Das Zögern der Behörden, die Verwirrung der öffentlichen Meinung und die kontrovers geführten Diskussionen über eine akzeptable Lösung haben bewirkt, dass die Tiere in kleinerer oder grö‎ßerer Anzahl stets auf der Stra‎ße geblieben sind.



    Die Historikerin Constanţa Vintilă-Ghiţulescu vom Geschichtsinstitut Nicolae Iorga“ in Bukarest erzählt über die Stra‎ßenhunde in den rumänischen Städten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts:



    Die Streuner waren schon immer ein Problem Rumäniens. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts stellt sich das Problem deren Beseitigung aus den Städten. Bis zu dem Zeitpunkt existierten diese auch, weil viele Häuser nicht umzäunt waren, die Grundstücke waren nicht abgregrenzt. Die Hunde, die sich dann in der Nähe der Häuser aufhielten und anhänglich wurden, gehörten im Grunde genommen allen. Sicherlich sahen Städte wie Bukarest und Iaşi damals anders als heute aus, ohne Einzäunungen und gut abgegrenzte Grundstücke, aber die Stra‎ßenhunde waren damals ein Problem in ganz Europa. Das erste Dokument, das ich finden konnte und sich mit dem Problem der Streuner in Rumänien befasst, stammt aus dem Jahr 1810. Die Russen, die damals, während des russisch-türkischen Kriegs von 1806-1812 die rumänischen Fürstentümer besetzt hatten, machen auf dieses Problem der Stra‎ßenhunde aufmerksam und rekrutieren ein Hundefänger-Team. Dieses hatte die Aufgabe, sie einzufangen und zu töten. Sie geraten aber in Konflikt mit den Hundebesitzern. Es erscheinen Schreiben, in denen die Besitzer aufgefordert werden, die Hunde an der Kette oder im Hof zu halten, anders würde man sie beseitigen. Nachdem die Russen 1812 abziehen, wird die Ma‎ßnahme aufgehoben. 1850 finden wir die Ma‎ßnahme wieder. Die Städte fingen an, sich zu strukturieren und das französische Modell der Hygienisierung und der Urbanisierung wird angewendet. In den Dörfern sind Streunerhunde hingegen überall zu finden, sie werden nicht an der Kette gehalten, sie sind in einem von Menschen bewohnten Raum anwesend.“



    In den Augen der Fremden werden die Stra‎ßenhunde berüchtigt. Constanţa Vintilă-Ghiţulescu hatte Einsicht in Dokumente, die belegen, dass nach Einbruch der Dunkelheit ganze Stra‎ßenhunde-Rudel die Stadt beherrschten:



    Die Konsuln Gro‎ßbritanniens und Frankreichs, die bis 1859 in Bukarest tätig waren, sprechen von der Unmöglichkeit, wegen dieser Hunde nachts auf den Stra‎ßen von Bukarest und von Iaşi zu spazieren. Es gibt einen Zeitzeugenbericht von 1850, der die Hunderudel in der Nähe des Dâmboviţa-Flusses schildert. Warum sie sich da aufhielten? Entlang des Dâmboviţa-Ufers gab es viele Schlachthöfe, Gerbereien und Fleischbearbeitungsläden. Diese kleinen Unternehmen warfen die Abfälle in den Fluss. Da gab es dann sehr viele Hunde, weil sie dadurch Nahrung fanden. Ein Spaziergang durch diese Gegend glich einem Selbstmord. 1852 fordert ein Schreiben der städtischen Verwaltungsräte, dass Ma‎ßnahmen gegen die Hunde ergriffen werden. Es erscheint auch die Idee, das erste Hundeheim zu bauen. Begründet wurde dies dadurch, dass die Tötung der Hunde grausam war. Der humanitäre Diskurs gewinnt Anhänger in der Öffentlichkeit. Es wurde sinngemä‎ß gesagt, wir seien Menschen und können keine Hunde in der Öffentlichkeit töten. Das unglaubliche Verhalten der Hundefänger wurde verurteilt.“



    Auch in der Vergangenheit gab es Fälle von Streunern, die Menschen getötet haben, Zeitzeugenberichte belegen es. Extrem gefährlich waren die tollwütigen Hunde. In Zeiten von Epidemien vervollständigten Berichte von halbverwilderten Hundemeuten das apokalyptische Bild der von einer Seuche befallenen Gesellschaft. Constanţa Vintilă-Ghiţulescu über Berichte aus Geschichtsquellen:



    In einer Zeitung aus der Epoche gibt es Berichte über tollwütige Hunde, die in Döfern, nicht Städten, Menschen angreiffen und zerfleischen. Dass dies ein tatsächliches Problem in jener Zeit war, ist auch aufgrund der vielen Rezepte gegen Tollwut ersichtlich, die damals abgedruckt wurden. Wir sprechen hier aber auch von Wölfen, nicht nur von Hunden. In den ländlichen Regionen, insbesondere im Gebirge, sind die Wölfe immer anwesend, vor allem nachts und im Winter. Besonders wild werden die Hunde während Epidemien. Dann wird die Nahrung knapper, weil sich die Menschen isolieren. Die Schau ist besonders grausam während einer Pestepidemie. Die Leichen werden nahe der Oberfläche begraben oder die Pestkranken werden noch lebendig begraben. Die Menschen haben solche Angst im Falle eines Sterbenden, dass sie nicht einmal mehr darauf warten, dass dieser stirbt. Wie gesagt, die Schau ist grausam: Hunde, die Leichen oder fast tote Menschen ausgraben.“



    Auch in den nachfolgenden Epochen wurde das Problem der Streuner nicht gelöst. Während des Kommunismus nahm die Zahl der Stra‎ßenhunde zu. In den rumänischen Städten, aber insbesondere in Bukarest, wurden ganze Stadtteile abgerissen. Menschen, die in Häusern mit Garten wohnten, wurden in Plattenbauten umgesiedelt und sahen sich oft gewzungen, ihre Hunde auf der Stra‎ße auszusetzen.



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